Jan Kretzschmar: Portfolio

Waldumwandlung: Warum an anderer Stelle neuer Wald wächst und manchmal sogar ein Klassenzimmer entsteht

Waldumwandlung: Warum an anderer Stelle neuer Wald wächst und manchmal sogar ein Klassenzimmer entsteht
In Kloster Zinna wächst auf 30 Hektar ein neuer Mischwald heran. © KW-Development
In Kloster Zinna wächst auf 30 Hektar ein neuer Mischwald heran. © KW-Development

Im Rahmen unserer Quartiersentwicklung in Beelitz-Heilstätten bauen wir insgesamt 800 Häuser und 500 Wohnungen sowie ein neues Ortsteilzentrum mit Stadtpark. Damit der dafür notwendige Platz entsteht, müssen rund um die historischen Klinikgebäude auch zahlreiche Bäume gefällt werden. Trotzdem geht kein Wald verloren. Wie dieser scheinbare Widerspruch zusammenpasst, erkläre ich in diesem Beitrag.

Wer an einer Baustelle im Wald vorbei kommt, der steht zunächst einmal vor einer größeren kahlen Fläche. Die Lücke, die die gefällten Bäume hinterlassen, fällt sofort ins Auge. Was man nicht sieht: Jede Umwandlung von Wald in eine andere Nutzung muss ausgeglichen werden – meist bereits vor dem eigentlichen Eingriff. Wie, wo und in welchem Umfang, das ist im Detail gesetzlich geregelt. Das Brandenburger Landeswaldgesetz fordert als Kompensation eine mindestens gleich große Fläche für eine Erstaufforstung im Land Brandenburg. Für den Wegfall der Schutz- oder Erholungsfunktion der betroffenen Waldfläche müssen ergänzend weitere Schutz- und Gestaltungsmaßnahmen im Wald erfolgen. Nur wenn das nicht möglich ist, wird ersatzweise eine sogenannte Walderhaltungsabgabe fällig.

Vermeiden kommt vor Kompensieren

Waldverbessernde Maßnahmen: Dieses Waldstück in Prieros wird für die „Unterpflanzung mit Laubbäumen“ vorbereitet. © KW-Development
Waldverbessernde Maßnahmen: Dieses Waldstück in Prieros wird für die „Unterpflanzung mit Laubbäumen“ vorbereitet. © KW-Development

Bevor überhaupt kompensiert wird, gilt die Regel, den Eingriff so klein wie möglich zu halten. Das betrifft vor allem den Zuschnitt der Baufelder und die Lage von Straßen. Auch für Lagerflächen für Maschinen und Material während der Bauphase dürfen nicht unnötig Bäume gefällt werden. Eine ökologische Baubegleitung schaut uns dabei über die Schulter und prüft, ob wir alles korrekt berücksichtigt haben. Für unsere Quartiersentwicklung in Beelitz-Heilstätten begleiten zudem Fachleute und die zuständige Forstbehörde die Ersatz- und Ausgleichsmaßnahmen über einen längeren Zeitraum und dokumentieren, wie sich die Pflanzenbestände entwickeln. Wird dabei festgestellt, dass die Maßnahmen nicht die erwartete Wirkung erzielen, wird das Konzept nachgeschärft.

Ein Teil des Waldes muss letztendlich doch dem Wohnungsbau weichen. Dafür muss bei der Forstbehörde ein Antrag auf „Waldumwandlung“ gestellt werden. Nur wenn dieser Eingriff alle gesetzlichen Vorgaben erfüllt, erhält der Antragsteller eine „Waldumwandlungsgenehmigung“. Dabei bedeutet „Waldumwandlung“ zunächst vor allem, dass die Fläche dann im rechtlichen Sinne nicht mehr als Wald bezeichnet wird. Selbst wenn kein einziger Baum gefällt wird, gilt die Fläche dann nicht mehr als Wald. Wird ein Waldstück zum Beispiel in einen Park umgestaltet, ist es rechtlich kein Wald mehr. Selbst wenn dabei alle Bäume stehen bleiben, müssen sämtliche Pflichten zur Kompensation der „verlorenen“ Waldfläche erfüllt werden.

Auch bei uns im Quartier Beelitz-Heilstätten werden auf der für die Umwandlung vorgesehenen Fläche nicht sämtliche Bäume gefällt. Das betrifft nur Bäume auf Flächen, an denen gebaut werden soll. Aber alle anderen Bäume sollen für die zukünftigen Einwohner wichtige Funktionen erfüllen wie z. B. Beschattung, Staubfilterung, Luftbefeuchtung und Ortsbildgestaltung. Allerdings muss dabei immer die sog. „Verkehrssicherungspflicht“ zur Abwehr von Gefahrenquellen berücksichtigt werden. Dazu sind oft verantwortungsbewusste Einzelfallentscheidungen notwendig.

Die Regeln für eine Ersatzaufforstung

Der Häher-Teller wurde im Waldklassenzimmer in Prieros aufgestellt, damit der Eichelhäher beim Bäume pflanzen aktiv mithelfen kann. © Carsten Preuß
Der Häher-Teller wurde im Waldklassenzimmer in Prieros aufgestellt, damit der Eichelhäher beim Bäume pflanzen aktiv mithelfen kann. © Carsten Preuß

Die Kompensation muss als Erstaufforstung in Brandenburg stattfinden. Dabei muss neuer Mischwald auf einer Fläche gepflanzt werden, die formal keine Waldfläche ist. Waldbrandflächen oder Flächen mit massiven Sturmschäden scheiden daher aus, weil sie rein rechtlich weiterhin Waldflächen sind. Auch landwirtschaftlich wertvolle Flächen sind tabu. Geeignet sind Flächen ohne hohen ökologischen Wert, wie stillgelegte, wenig ertragreiche Ackerflächen beispielsweise, oder Brachflächen. Sie müssen an bestehende Wälder angrenzen oder selbst groß genug sein, dass sich auf ihnen ein wirklicher Wald entwickeln kann und nicht bloß ein Gebüsch. Ideal ist es, wenn diese in einem diese in einem noch waldarmen Landschaftsraum liegen, weil sie dort den größten ökologischen Effekt hervorbringen.

Die Stadt Beelitz hat keine solchen hinreichend großen Erstaufforstungsflächen, weshalb sie erst im Nachbarkreis Teltow-Fläming gefunden werden konnten. Dafür aber gibt es in Beelitz einen riesigen Bedarf daran, die großen Kiefernforste der Stadt step by step in Laubmischwälder umzugestalten. Auch wenn das mehr als eine Menschengeneration lang Zeit und Mühe in Anspruch nimmt: Diese Umgestaltung unserer Wälder erhöht die Artenvielfalt in unserer Natur, die Rate der Grundwasserneubildung für unser Trinkwasser, die Widerstandsfähigkeit gegenüber Schädlingen, Unwetter und Waldbränden und nicht zuletzt auch die Attraktivität der Stadt Beelitz als Wohnstandort und Ort für die Naherholung.

Doch einfach drauflos pflanzen geht natürlich nicht. Zunächst benötigt man Zugriff auf die Fläche, zum Beispiel durch Kauf oder langfristige Pacht. Zusätzlich ist eine Erstaufforstungsgenehmigung der Forstbehörde erforderlich. Bei größeren Flächen kann zusätzlich vorher eine Umweltverträglichkeitsprüfung gefordert werden.

Solche Flächen sind schwer zu finden. Für die Kompensation unserer Waldumwandlung in Beelitz-Heilstätten mussten wir eine Weile suchen. Die Stadt Beelitz hat keine solcher hinreichend großen Erstaufforstungsflächen, weshalb sie erst im Nachbarkreis Teltow-Fläming gefunden werden konnten. Bei Kloster Zinna, 27 Kilometer Luftlinie entfernt, haben wir für 400.000 Euro eine ca. 50 Hektar große Fläche gekauft. Auf 30 Hektar davon wächst bereits seit 2022 ein neuer Mischwald heran, der von uns permanent gepflegt wird. Die Kosten der Erstaufforstung und Pflege betragen dort bislang rund 650.000 Euro. Für weitere rund 20 Hektar ist die Erstaufforstung bereits genehmigt und die Durchführung für 2027 geplant.

Doch damit endet unsere Verantwortung nicht. Wir sind zusätzlich verpflichtet, die jungen, neu angepflanzten Waldkulturen fünf bis zehn Jahre zu pflegen und ggf. nachzupflanzen, bis die Waldfläche von der zuständigen Forstbehörde als „gesichert“ bestätigt wird.

Waldumbau: die ökologische Aufwertung

Ergänzend zu dieser Ersatzaufforstung werten wir im Rahmen der Kompensation Wälder ökologisch auf. Diese erhalten beispielsweise neue Waldränder oder es werden Kiefern-Monokulturen mit einheimischen Laubbäumen „unterpflanzt“, um daraus Mischwälder zu machen. Das wird im Fachjargon „Waldumbau“ genannt. Im Beelitzer Stadtwald haben wir bereits 46 Hektar Kiefernforst unterpflanzt und dafür rund 600.000 Euro aufgewendet. Das Ergebnis der Mühe ist ein strukturreicher, artenreicher Mischwald, der deutlich widerstandsfähiger gegen Trockenheit, Hitze und Schädlingsbefall ist als der bisherige Kiefernwald. Zudem erhöht diese Umgestaltung unserer Wälder die Grundwasserneubildung für unser Trinkwasser, die Widerstandsfähigkeit gegenüber Unwetter und Waldbränden und nicht zuletzt auch die Attraktivität der Stadt Beelitz als Wohnstandort und Ort für die Naherholung.

Wald als Lernort: das Waldklassenzimmer Prieros

Das Hinweisschild auf das Waldklassenzimmer ist ein Abschiedsgeschenk der Kinder der 6. Klasse der Naturpark-Schule Prieros. © Teresa Zeuner
Das Hinweisschild auf das Waldklassenzimmer ist ein Abschiedsgeschenk der Kinder der 6. Klasse der Naturpark-Schule Prieros. © Teresa Zeuner

Im Rahmen der „Waldaufwertung“ ist aber auch ein Projekt entstanden, das mir besonders viel Freude bereitet hat. Im Naturpark Dahme-Heideseen wurde am 7. Juli 2026 das Waldklassenzimmer der Naturpark-Schule Prieros eingeweiht. Die Idee hatte der ehemalige Leiter des Forstbetriebes Hammer, Tim Ness. Er führte bereits seit 2023 immer wieder Lehrkräfte der Grundschule Prieros in die nahegelegenen Wälder. Dort zeigte er ihnen, dass dieses Ökosystem weit mehr zu bieten hat als „nur“ Kiefern. Daraus entwickelte sich bald die Idee, Teile des Schulalltags regelmäßig in die Natur zu verlagern.

Für diesen Lernort im Wald musste eine passende Fläche gefunden werden. Der entscheidende Tipp kam von Holger Görlitz. Er ist nicht nur einer unserer engagierten Mitarbeiter bei KW-Development, sondern auch ehrenamtliches Mitglied des Kuratoriums des Naturparks Dahme-Heideseen. Wir haben im Rahmen unserer Ausgleichsmaßnahmen auch in Prieros knapp 13 Hektar Wald erworben und davon bereits sechs Hektar mit Laubbäumen unterpflanzt. Auf dieser Fläche hat er ein passendes Waldstück entdeckt. Es ist ideal gelegen und erfüllt perfekt sowohl pädagogische als auch ökologische Ansprüche. Wir haben daher eine Kooperationsvereinbarung mit der Schule und der Naturpark-Verwaltung für die Nutzung als Waldklassenzimmer geschlossen.

Seit Mai 2025 wurde aktiv auf die Eröffnung hingearbeitet. Der Bereich wurde mit einem Zaun eingefriedet, der aber für Wildtiere über spezielle Schlupfpforten durchlässig bleibt. Es wurden „Häher-Teller“ und Nistkästen installiert, damit der Eichelhäher beim Bäume pflanzen aktiv mithelfen kann. In Kooperation mit der Wildlinge GmbH übernehmen wir die Kontrolle und jährliche Befüllung der Teller. Im Frühjahr 2026 wurden die Türen, Wände und Bänke für das Klassenzimmer gebaut. Für die Einweihungsfeier haben wir zwei Zitterpappeln zur Verfügung gestellt. Das ist der Baum des Jahres 2026. Die Kinder haben diese Bäume mit Begeisterung eingepflanzt und erstmals Häher-Teller mit Walnüssen bestückt. Das war ein sehr schöner Moment und ein besonders positiver Beitrag unserer Ausgleichsmaßnahmen zur Bildung und Sensibilisierung unserer Kinder für Themen der Waldökologie.

Unsere Ersatzaufforstung für das Quartier Beelitz-Heilstätten

Schüler der Naturpark-Schule Prieros pflanzen anlässlich der Einweihung des Waldklassenzimmers zwei Zitterpappeln. © KW-Development
Schüler der Naturpark-Schule Prieros pflanzen anlässlich der Einweihung des Waldklassenzimmers zwei Zitterpappeln. © KW-Development

Für das Quartier Beelitz-Heilstätten werden insgesamt ca. 50 Hektar Wald umgewandelt. Dafür haben wir auf einer Fläche von ca. 20 Hektar bereits neuen Wald gepflanzt. Weitere 30 Hektar kommen in Kürze dazu. Zusätzlich wurden ca. 61 Hektar Wald „ökologisch umgebaut“, also qualitativ aufgewertet. Insgesamt sind das rund 111 Hektar Wald. Die Kosten für diese Maßnahmen betragen bisher ca. 2,8 Millionen Euro. Sie sehen, durch das Fällen von Bäumen entsteht ganz real besserer Wald als zuvor. Unsere Gesetze schützen den Erhalt ökologisch wertvoller Waldflächen. Zudem regeln sie den Ausgleich, wenn für ein Bauprojekt Bäume gefällt werden müssen.

Achten Sie doch mal beim nächsten Waldspaziergang genauer auf die Umgebung. Wurde der Wald unterpflanzt? Ist es ein Mischwald oder grenzt ein neues Stück Wald an den bestehenden an? Möglicherweise befinden Sie sich dann ebenfalls an einem Standort, dessen ökologische Qualität durch eine Kompensationsmaßnahme verbessert werden konnte. Wenn Wald einem Wohnungsbauvorhaben weicht, entsteht an anderer Stelle immer neuer, ökologisch wertvollerer Wald.

Ihr Jan Kretzschmar

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